Entstehungs- und Baugeschichte

 

Peter Beckenkamp, Zeichnung zu einem Kupferstich 1791, aus Schloßmacher, Norbert (Hg.), 800 Jahre Godesburg 1210-2010, Bonn, 2010, Abb. S. 41

Lage und Vorgängerbau

Die heutige Michaelskapelle wurde am nordwestlichen Hang des Godesbergs an einer Stelle errichtet, an der bereits zuvor eine dem heiligen Michael geweihte Kirche gestanden hatte. Diese war vermutlich unter Konrad von Hochstaden zwischen 1238-1261 errichtet worden und schmiegte sich – seit einer Erweiterung der Burganlage im frühen 14. Jahrhundert – an deren Außenmauern an. Es ist nicht überliefert, ob sie in diesem Zusammenhang ihre sakrale Nutzung verlor, jedenfalls wurde sie spätestens im Zuge der Sprengung der Burg 1583 (Truchsessischer Krieg) zerstört.

Die heutige Kapelle

Im 17. Jahrhundert waren auf dem Godesberg wundersame Lichtzeichen wahrgenommen worden, weshalb der örtliche Pfarrer den Neubau einer Michaelskapelle anstrengte. Diese sollte sich – wie ihre Vorgängerin – an die mittelalterlichen Burgmauern anlehnen. 1660 wurde das Kirchlein, dessen äußere Gestalt durch eine Zeichnung Lambert Doomers von 1663 (s. Abb. unten) überliefert wird, geweiht. Doomer veranschaulicht ihre malerische Lage am Hang des Berges.

Lambert Doomer, Blick auf den Godesberg, 1663, aus: Haentjes, Walter, Geschichte der Godesburg, Bonn, 1960.

Die Kapelle war auch vom Residenzschloss der Kölner Kurfürsten in Bonn zu sehen, vor dem Panorama des Siebengebirges. Vermutlich stieß sie deshalb, als ästhetische Bereicherung einer beeindruckenden Landschaft, schon früh auf kurfürstliches Interesse: Max Heinrich von Bayern äußerte 1676 seinen ausdrücklichen Wunsch zu ihrem Erhalt.

Sein Nachfolger Joseph Clemens von Bayern hatte gleich Größeres mit ihr vor: Als besonderer Verehrer des Erzengels Michael gedachte er sie für die von ihm 1693 in seiner Hofmark Berg am Laim (heutiger Stadtteil von München) gegründeten Michaelsbruderschaft und den dazugehörigen Ritterorden des Heiligen Erzengels Michael zu nutzen. Beide hatte er 1697 auch in Bonn eingesetzt. Im selben Jahr gab er also den Auftrag zur Neuausstattung der Michaelskapelle auf dem Godesberg, die fortan als Oratorium des Ritterordens und als Wallfahrtskirche der Bruderschaft sowie als Hofkapelle genutzt werden sollte.

Diese Auswahl des Kurfürsten wurde sicher durch die bestehende Sichtachse zwischen der Michaelskapelle und dem Residenzschloss begünstigt: Joseph Clemens ließ dieses ab 1697 zu einer mächtigen Vierflügelanlage ausbauen (heutiges Universitätshauptgebäude) und rechnete den Godesberg mit seiner Kapelle als Point de Vue stets in seine Bauplanungen mit ein. Auch ihre Lage auf einem Berg inmitten eines Waldes mag die Entscheidung des Kurfürsten beeinflusst haben, denn sie ähnelte der des Ursprungsheiligtums des Erzengels auf dem Berg Monte Sant’Angelo in der Region des Gargano im italienischen Apulien.

So wurde die Michaelskapelle letztlich als freie Nachbildung dieses wichtigen Heiligtums wahrgenommen. Abgesehen davon eignete sich der Godesberg, als Ort einer weit zurückreichenden Michaelsverehrung (auch für die Zeit vor der Entstehung der Burg ist die Verehrung des Erzengels im Kontext einer Friedhofsanlage überliefert), vorzüglich für eine neu einzurichtende Nahwallfahrtsstätte der Michaelsbruderschaft und als Oratorium des hochadeligen Ritterordens.

 

Die Neuausstattung

Für die Ausstattung des prestigeträchtigen Bauprojekts beschäftigte Joseph Clemens die führenden Künstler der Zeit: Er engagierte Giovanni Pietro Castelli für die qualitätvollen Stuckarbeiten der Gewölbe und der Altaraufbauten. Die ursprünglichen Altarskulpturen gehen auf den Bildhauer Robert Verburg aus Lüttich zurück und für die Seitenaltargemälde zeichnete der Maler Englebert Fisen, ebenfalls aus Lüttich stammend, verantwortlich. Der bisland unidentifizierte Freskomaler Johann Schießel führte die im 19. Jahrhundert stark überarbeiteten Deckenfresken aus.

Foto: Jean-Luc Ikelle-Matiba, Detail

Castelli war im künstlerischen Umfeld der Theatinerkirche St. Kajetan in München und der Münchner Residenz ausgebildet worden und führte auch einige Stuckarbeiten des Bonner Residenzschlosses aus. In Schloss Clemensruhe in Poppelsdorf vollzog er, nach französischen Entwürfen arbeitend, in Bonn den Wandel zur neuen Stilrichtung der Régence. Da die genannten Schlossausstattungen durch Brände, schlechte Instandhaltung und schließlich durch den Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört wurden, sind die hochbarocken Stuckdecken der Michaelskapelle die einzigen unversehrten Beispiele aus der frühen Schaffenszeit Castellis im Rheinland.

 

1699 wurde das Oratorium den drei Erzengeln geweiht und die Kirche spielte fortan eine große Rolle im religiösen Leben des Michaelsordens und der Bruderschaft: Diese organisierte Pilgerfahrten auf den Godesberg, an denen sich auch der Hofstaat beteiligte.

Ursprünglich gehörten sowohl ein Versammlungshaus für den Orden als auch eine Einsiedelei, die seit 1697 von zwei Eremiten betreut wurde, zu der Kapelle. Während die Eremitage noch heute besteht, trug man das Ordenshaus nach 1804 ab.

1805 wurde die Michaelskapelle als Pfarrkirche eingerichtet, was z.B. einen später wieder rückgängig gemachten Einbau einer Orgelempore zur Folge hatte. Mit dem Anwachsen der Gemeinde fanden auch Überlegungen zum Umbau des damals zu klein gewordenen Gotteshauses statt. Allerdings entschloss man sich 1862 dazu, eine neue Pfarrkirche am Fuße des Berges zu errichten (St. Marien in Bad Godesberg). Heute wird die Michaelskapelle gelegentlich für Gottesdienste und als Ort des Gebetes genutzt.

Seit 1982 ist die Michaelskapelle ein eingetragenes Denkmal.

 

 

Literatur:

Vanessa Krohn, Die Neuausstattung der Michaelskapelle auf dem Godesberg unter Erzbischof Joseph Clemens von Bayern, in: Godesberger Heimatblätter 52, 2014, S. 111-140.

Norbert Schloßmacher, 800 Jahre Godesburg 1210-2010, Bonn 2010 (Kat. Ausst. Bonn 30.11.2010-02.01.2011)

Norbert Schloßmacher, Spaziergang auf die und rund um die Godesburg, Bonn-Bad Godesberg 2007.

Norbert Schloßmacher, Michaelskirche und Marienkirche in Bonn-Bad Godesberg, Köln 2002 (Rheinische Kunststätten 454).